Wer schon einmal einen Meister des Kobudo bei der
Ausführung seiner Kampfkunst mit den Waffen des Kobudo gesehen hat,
kann sich schwer der Faszination entziehen, mit welcher Präzision,
Schnelligkeit und Effektivität diese ehemaligen Arbeitsgeräte des
täglichen Lebens zur Selbstverteidigung eingesetzt werden können.
Gleichzeitig wird einem auch bewußt, daß ein gehöriges Stück
Konzentration, Körperbeherrschung und Ausdauer notwendig ist, sich
diese Fähigkeiten gebrauchstüchtig anzueignen.

Nachdem sich Ende letzten Jahres abzeichnete, daß unser Dojo zusätzlich
die Ausbildung mit dem Umgang der traditionellen Waffen anbieten würde,
tauchten auch schon bald die ersten Bo (Langstock), Tonfa
(Mühlsteinkurbel) und Sai (Dreizack) auf, und es wurde sich mit dem
neuen Trainingsgerät vertraut gemacht.

Nach der Aufnahme des systematischen Kobudo-Trainings, wie berichtet,
im März dieses Jahres gab es nun die Möglichkeit, an einem ersten
Lehrgang mit den Schwerpunkten Tonfa und Sai bei Shihan Jamal Measara
(7. Dan Karate, 6. Dan Kobudo, 6. Dan Aikido) und Sensei Norbert Wiendl
(4. Dan Karate, 2. Dan Kobudo) teilzunehmen.

Joachim Merkl, unser Kobudo-Trainer, und Peter Bronnsack folgten der Einladung nach Kelheim für die zweitägige Veranstaltung.

In der ersten Lehrgangseinheit standen Grundübungen (Hojo Undo) mit den Tonfa auf dem Programm.

Beim Tonfa handelt es sich um eine Waffe, deren Form von einer
Mühlsteinkurbel abgeleitet wurde. Das Tonfa ist aus Holz und hat eine
Länge von ca. 50-60 cm sowie einen rotationssymmetrischen Griff, der
senkrecht am längeren Teil angebracht ist. Je nach Ausführungsvariante
wiegt ein Tonfa zwischen 360 und 600 Gramm.

eben einer armschützenden Funktion bei Blocks beruht
die Wirkung bei Schlag- oder Hebeltechniken auf der Drehung dieses
Werkzeugs um die Griffachse. Dabei gleitet der Griff in der leicht
geöffneten Faust.

Eine gute Gelenkigkeit der Hand-, Arm- und Schultergelenke für das
Rotieren als auch ein gutes Gefühl für ein dosiertes Zugreifen beim
Abstoppen einer Drehbewegung sind für eine kontrollierte Führung
notwendig.

Das schwierigste bei den Übungen war die gleichzeitige Koordination
zweier Tonfa, nämlich das Rückführen des Tonfa, mit dem gerade ein
Schlag/Block ausgeführt wurde, sowie das simultane Schlagen/Blocken mit
dem zweiten.

Bei Betrachtung der hohen Drehgeschwindigkeiten, auf die das Tonfa
durch Einsatz des Oberkörpers, der Schulter-, Arm- und Handgelenke
beschleunigt werden kann, kommt kein Zweifel an der Wirksamkeit dieses
ehemaligen Handwerkszeugs in der Anwendung auf. Eine solche Wirksamkeit
ist jedoch auch notwendig, um z.B. einen Angriff mit dem Bo (Langstock)
sicher abwehren zu können. Entsprechend intensiv wurden die Übungen
ausgeführt, so daß man nach eineinhalb Stunden seine Hände und
Schultern gut „gespürt“ hat.

Nach einer kurzen Pause fing die zweite Lehrgangseinheit mit der Unterweisung in Hebeltechniken mit dem Tonfa an.

Mit einem Partner wurde die Verteidigung gegen Angriffe, z.B. auch mit
einem Messer, geübt. Dabei wurde das Tonfa zuerst für die Entwaffnung
bzw. den Block und folgend für Hebel eingesetzt, die in einem Wurf
und/oder dem Festsetzen des Angreifers endeten.

Es zeigte sich, daß bei den Partnerübungen Tonfa mit rundem anstatt
eckigem Querschnitt besser geeignet sind, da sie dem angreifenden
Übungspartner aufgrund größerer Kontaktflächen gegenüber den kantigen
Ausführungen weniger Schmerzen zufügen.

Erstaunlich war wieder die Effektivität, mit denen ein Angreifer
abgewehrt und festgesetzt werden konnte, insbesondere auch hinsichtlich
der Übertragbarkeit bei Nutzung von Gegenständen des alltäglichen
Gebrauchs, wie Regenschirm oder Zeitung.

Es folgten weitere Partnerübungen mit dem Bo und den Sai.
Der Bo ist ein Rundstab aus Holz mit einer Länge von 182 cm und einem
Durchmesser in der Stockmitte von ca. 3 cm, welcher zu beiden Seiten
bikonisch bis auf einen Durchmesser von ca. 2 cm ausläuft. Das Gewicht
des Bo beträgt ca. 1 kg. Der bikonische Aufbau erleichtert aufgrund der
geringeren Massen an den Stockenden die Handhabung bei Drehung und
ermöglicht durch Rückziehen die Befreiung aus einer gegnerischen
Festsetzung, z.B. durch gekreuzte Sai.

Bei dem Sai handelt es sich um einen metallischen Dreizack mit einer Gesamtlänge
von ca. 55 cm und einem Gewicht von 1 kg. Der vornehmliche Griffbereich
liegt zwischen dem unteren Knauf und der Zinkenkreuzung und ist mit
einem Lederband oder einer Kordel umwickelt. Sai sind insbesondere zur
Abwehr von Hiebwaffen (Schwert, Bo) geeignet. Sie können für das
Blocken, Stechen, Schlagen, Haken (Festsetzen) aber auch Werfen
eingesetzt werden.

Zwischen diesen Grundhaltungen läßt man den Sai im
Einsatz hin- und herschnellen (flippen). Dabei zeigt sich die für
Anfänger und Laien komisch anmutende Form der beiden außenliegenden
Zinken als äußerst hilfreich. Eine davon bildet beim Flippen die
Drehangel, welche zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger gelagert ist
und die waagrechte Rotation des Sai mit und in einer Hand ermöglicht.
Bei den Partnerübungen zeigte sich wiederum, daß zu einer sicheren
Abwehr eines Bo-Angriffs hohe Block- und Schlaggeschwindigkeiten
notwendig sind. Entsprechend mehrten sich die Einschlagdellen an dem Bo
und es wurde einem schnell bewußt, daß ein Bo- oder auch Tonfaleben
nicht ewig währt und man diese Geräte besser als Verschleißteile
betrachten sollte.

Die letzte Lehrgangseinheit befaßte sich mit grundlegenden bzw. fortgeschrittenen Übungen zur Handhabung der Sai.
Auch hier erforderte die simultane Koordination der Bewegungsabläufe
höchste Konzentration. Neben den Arm- und Handbewegungen waren hier
neue, bislang im Shotokan-Stil nicht benötigte Bein- und Fußstellungen
einzunehmen.
Ähnlich der Tonfa-Lehrgangseinheit stellten die Übungen mit den Sai ein
hartes Stück Arbeit dar, das insbesondere die Handgelenke und Finger
sehr gut trainierte.

Zusammenfassend kann man feststellen, daß ein Lehrgang mit derart
qualifizierten Leitern immer eine Bereicherung für einen selbst und für
unser Dojo durch Übernahme von gelernten Übungen ist. Die höheren
Anforderungen an Koordination und Körperbeherrschung sowie die
Möglichkeit zur Übertragung der Techniken für die Selbstverteidigung
spiegeln den Reiz für die Teilnahme an solchen Veranstaltungen wider.
Die gemachten Erfahrungen bestätigen aber auch das folgende Zitat von Meistern des Kobudo:
„Der Wunsch, alles in kürzester Zeit zu erlernen und diese Disziplin im
Schnellverfahren beherrschen und mit Erfolg anwenden zu wollen, ist
Illusion.“

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